Stellen Sie sich vor, Sie haben dreißig oder vierzig Jahre lang den Takt vorgegeben. Sie waren die erste Person, die morgens das Licht im Betrieb eingeschaltet hat, und die letzte, die abends die Tür hinter sich verschloss. Jeder große Kunde wollte mit Ihnen persönlich sprechen, jede weitreichende Entscheidung lag auf Ihrem Schreibtisch. Das Unternehmen war nicht nur Ihr Beruf, es war Ihr Lebensmittelpunkt und ein gewaltiger Teil Ihrer persönlichen Identität. Und nun rückt der Tag näher, an dem Sie die Schlüssel endgültig aus der Hand geben sollen. Für viele erfahrene Unternehmer ist dieser Gedanke derart bedrohlich, dass sie die Übergabe unbewusst blockieren. Doch das echte und ehrliche Loslassen ist die absolute Meisterprüfung Ihres unternehmerischen Schaffens. Wer diesen Schritt verweigert, bringt am Ende alles in Gefahr, wofür er ein Leben lang gearbeitet hat. Das macht am meisten Sinn, sich das rechtzeitig einzugestehen.
Die Gefahr des Prinz-Charles-Phänomens
In der Beratungspraxis begegnet uns sehr häufig ein Verhaltensmuster, das wir das Prinz-Charles-Phänomen nennen. Die ältere Generation schiebt den Zeitpunkt der tatsächlichen Übergabe immer weiter hinaus. Es gibt stets einen vermeintlich guten Grund, warum der Nachfolger oder die Nachfolgerin noch nicht ganz bereit sei. Ein wichtiges Projekt müsse noch abgeschlossen werden, eine kleine wirtschaftliche Schwächephase müsse man noch selbst durchtauchen. In Wahrheit ist es die reine Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust. Das Ergebnis ist jedoch fatal: Die wartende junge Generation verliert ihre besten, tatkräftigsten Jahre in der zweiten Reihe. Wenn sie dann endlich die volle Verantwortung übernehmen darf, ist die eigene Motivation oft längst erloschen. Nehmen Sie Ihrer Nachfolge nicht die Kraft, indem Sie den Thron künstlich besetzt halten.
Ein Leben nach dem Unternehmen gestalten
Das Loslassen scheitert fast immer daran, dass die abgebende Person keine klare Vorstellung davon hat, was nach dem letzten Arbeitstag passieren soll. Die Aussicht, von einem Kalender voller wichtiger Termine in eine vollkommene Leere zu stürzen, erzeugt puren Stress. Es reicht bei weitem nicht aus, sich vorzunehmen, in Zukunft mehr Zeit im Garten oder auf Reisen zu verbringen. Menschen, die Jahrzehnte lang gestaltet, entschieden und geführt haben, brauchen auch im Ruhestand eine echte, sinnstiftende Aufgabe. Das kann ein neues ehrenamtliches Engagement sein, die Beratung junger Gründer mit Ihrem enormen Erfahrungswissen oder die Verwirklichung eines Vorhabens, das in den letzten Jahren immer zu kurz kam. Wer beide Hände voll mit neuen, spannenden Aufgaben hat, klammert sich nicht mehr krampfhaft an den alten Schreibtisch. Das ist Großteils eine Frage der inneren Einstellung.
Der elegante Wechsel in die Rolle des Beraters
Nachdem die vertragliche Übergabe abgeschlossen ist, folgt oft eine Phase, in der die ältere Generation noch im Hintergrund zur Verfügung steht. Dies ist grundsätzlich überaus wertvoll, erfordert aber höchste eiserne Disziplin. Ihre neue Aufgabe ist es, Rat zu geben, wenn Sie danach gefragt werden, und ansonsten zu schweigen. Nichts untergräbt die Autorität der neuen Führungskraft bei der Belegschaft schneller, als wenn der alte Chef regelmäßig durch die Gänge geht und getroffene Entscheidungen kritisiert oder gar widerruft. Sie haben einen fähigen Menschen ausgewählt, um Ihr Lebenswerk weiterzuführen. Vertrauen Sie nun auch darauf, dass diese Person ihren eigenen Weg finden wird, auch wenn dieser Weg anders aussieht als jener, den Sie selbst gewählt hätten. Fehler gehören zur Weiterentwicklung zwangsläufig dazu, auch wenn der eigene Stolz sie nur ungern erkennen lässt.
Sicherheit für die gesamte Familie
Das Loslassen betrifft nicht nur die Anwesenheit im Büro, sondern auch die finanzielle Abnabelung. Es muss sichergestellt sein, dass Ihre eigene Altersversorgung auf absolut sicheren Beinen steht und nicht mehr vom täglichen Schwanken der betrieblichen Gewinne abhängt. Nur wenn Sie finanziell unabhängig sind, kann dem Betrieb die nötige Ruhe gegeben werden. Ein sauber geplanter Ausstieg bewahrt Sie vor dem drückenden Gefühl, bis zum letzten Atemzug unverzichtbar sein zu müssen, und schenkt Ihnen die Freiheit, die Früchte Ihrer harten Arbeit endlich genießen zu dürfen.
Ein würdiger Abschluss Ihres Lebenswerkes
Erfolgreiches Unternehmertum zeigt sich nicht nur in Zeiten des Aufbaus und des stetigen Wachstums. Es zeigt sich ganz besonders in der Größe, den eigenen Platz zur richtigen Zeit für frische Kräfte freizumachen. Betrachten Sie das Loslassen nicht als einen schmerzhaften Verlust an Bedeutung, sondern als den bewussten Beginn einer völlig neuen, selbstbestimmten Lebensphase. Sie haben Großartiges geleistet. Nun ist es an der Zeit, die Verantwortung in gute Hände zu legen und mit Stolz auf das Erreichte zurückzublicken.
Im nächsten Beitrag wechseln wir die Perspektive und widmen uns den besonderen Herausforderungen der jungen Generation, insbesondere wenn es darum geht, sich gegen alte Rangordnungen unter Geschwistern durchzusetzen.

