Eine Unternehmerin sitzt mit ihrem Sohn am Küchentisch. Kein Ordner, kein Zeitplan, kein Vertrag. Nur ein Satz: „Du übernimmst die Firma, und dann machst du halt das Beste draus.“ Beide meinen es gut. Beide glauben, das reicht. Und genau da beginnt das Problem.
Ein paar Jahre später ist die Stimmung angespannt. Der Sohn will investieren, modernisieren, Dinge ändern. Die Mutter bremst. „Das haben wir immer anders gemacht.“ Mitarbeiter sind verunsichert, Kunden merken, dass intern was nicht passt. Niemand hat je festgelegt, wann die Übergabe wirklich abgeschlossen ist. Oder wer ab welchem Punkt das letzte Wort hat. Es gab nur Vertrauen. Und Hoffnung.
So entstehen keine stabilen Übergaben. So entsteht Chaos.
Eine Vorstellung ist kein Plan
Viele Unternehmer verwechseln eine Idee im Kopf mit einer Strategie. Man weiß ungefähr, wer übernehmen soll. Irgendwann. Und irgendwie. Der Rest wird sich schon ergeben. Tut er aber nicht. Ohne Plan bleibt alles schwammig. Der Nachfolger glaubt, er hat Verantwortung, der Senior fühlt sich weiterhin zuständig. Entscheidungen werden doppelt getroffen oder gar nicht. Konflikte entstehen nicht, weil jemand böse ist, sondern weil niemand weiß, wo seine Grenze liegt. Ein schriftlicher Plan zwingt zur Klarheit. Nicht für die Berater, sondern für die Beteiligten selbst.
Hoffnung ist keine Führungsstruktur
Bei Übergaben ohne Strategie tauchen immer dieselben Fragen auf. Nur leider zu spät.
- Wann genau ist die Übergabe eigentlich abgeschlossen?
- Ist es ein Verkauf, eine Schenkung oder irgendwas dazwischen?
- Wer entscheidet über Personal, Investitionen, Strategie?
- Wie lange redet der Senior/ die Seniorin noch mit?
- Wovon lebt der Senior/die Seniorin danach?
- Wie sind die weichenden Erben und/oder der Senior/die Seniorin abzulösen?
- Was darf der Nachfolger ändern, und was nicht?
Wenn diese Fragen nicht beantwortet sind, regiert Interpretation. Und Interpretation ist der schnellste Weg in Konflikte.
Mit Plan läuft’s nicht perfekt, aber kontrollierbar
Ein klarer Nachfolgeplan macht nichts magisch besser. Aber er macht Dinge steuerbar.

Mit Plan ist festgelegt, wann welche Phase beginnt. Vorbereitung, Aufbau, Doppelbesetzung, Rückzug. Jeder weiß, wo man steht. Rollen sind beschrieben. Zuständigkeiten klar. Deadlines existieren.
Vor allem gibt es einen Punkt, an dem der Senior/die Seniorin wirklich raus ist. Nicht emotional, aber operativ. Und genau dieser Punkt fehlt in den meisten gescheiterten Übergaben.
Drei Entscheidungen, die niemand für dich trifft
Bevor irgendwer über Steuern, Verträge oder Bewertungen redet, braucht es drei Grundsatzentscheidungen. Die sind unbequem, aber unvermeidlich.
Erstens: Verkauf oder Übergabe.
Willst du einen klaren Schnitt gegen Geld, oder willst du dein Lebenswerk weitergeben? Beides hat seinen Preis. Emotional oder finanziell. Wer das nicht entscheidet, blockiert alles Weitere.
Zweitens: intern oder extern.
Familie bringt Nähe, aber auch alte Muster. Externe Nachfolger bringen Distanz, aber oft mehr Klarheit. Manchmal ist eine Kombination sinnvoll. Entscheidend ist nicht Tradition, sondern Eignung.
Drittens: sofort oder schrittweise.
Der harte Schnitt klingt sauber, ist aber riskant. Die schrittweise Übergabe ist langsamer, aber stabiler. Fehler passieren früher und sind korrigierbar. Genau deshalb funktioniert sie in der Praxis besser.
Was ein Nachfolgeplan tatsächlich regelt
Ein Nachfolgeplan ist kein juristisches Monster. Es geht nicht um Paragrafen, sondern um Verständigung.
Drin steht, wann wer welche Verantwortung trägt. Wie Geld fließt. Wie die Altersversorgung aussieht. Was passiert, wenn jemand ausfällt. Und wie und wann Mitarbeiter, Kunden und Banken informiert werden.
Vor allem aber sorgt der Plan dafür, dass nicht jeder seine eigene Version der Zukunft im Kopf hat.
Der klassische Irrtum: „Wir regeln das per Handschlag.“
Im Mittelstand ist Vertrauen großgeschrieben. Zu Recht. Aber Vertrauen ersetzt keine Klarheit.
Der Vater glaubt, er bleibt noch lange beteiligt.
Der Sohn glaubt, er ist bald allein verantwortlich und hat das Sagen.
Beide sind überzeugt, der andere weiß das eh.
Solange alles gut läuft, fällt das nicht auf. Sobald die erste größere Entscheidung kommt, knallt es. Und dann geht es nicht mehr um Zahlen, sondern um verletzte Erwartungen.
Der sinnvolle Einstieg
Niemand braucht heute einen perfekten Plan. Aber jeder braucht eine Richtung.
Setz dich hin und beantworte drei Fragen ehrlich:
- Will ich verkaufen oder übergeben?
- Wer soll übernehmen?
- Wie schnell soll das gehen?
Erst danach machen Unternehmens- und Steuerberater, Notar und Bewertung Sinn. Alles andere ist Aktionismus.
Was bleibt
Ohne Strategie wird jede Übergabe zum Glücksspiel.
Mit Strategie wird sie gestaltbar.
Ein schriftlicher Plan nimmt nichts weg. Er nimmt Druck raus. Und er schützt das, was über Jahre aufgebaut wurde, wirtschaftlich und menschlich.
Der nächste Beitrag beschäftigt sich mit einem Punkt, an dem viele Übergaben endgültig entgleisen: einer falschen Unternehmensbewertung. Ohne realistische Bewertung ist jede Nachfolge von Anfang an schief aufgesetzt.

